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Negative Strompreise

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tl;dr

Negative Strompreise treten auf, wenn der Großhandelsstrompreis am Spotmarkt unter 0 €/MWh fällt – dann zahlen Verkäufer dafür, dass Abnehmer Strom abnehmen, und es entstehen starke Anreize für flexible Lasten, Speicher und Power-to-Heat-/Power-to-X-Anwendungen.

Negative Strompreise sind Handelsintervale, in denen der Strompreis am Spotmarkt unter 0 €/MWh sinkt. Ursache ist ein starkes Ungleichgewicht aus hoher Einspeisung (z. B. viel Wind und PV, dazu inflexible Kraftwerke) und relativ geringer Nachfrage. In der Merit Order bedeutet das: Es sind mehr Erzeuger „im System“, als wirtschaftlich sinnvoll wäre, und einige sind bereit, für die Abnahme ihres Stroms zu zahlen, weil Stillstand oder Abregelung für sie teurer wäre (z. B. wegen Anfahrkosten, Wärmebereitstellung, Förderregeln).

Für Prosumer und Industrie wirken negative Preise in zwei Richtungen:

Positiv (Chance):

  • Batteriespeicher können gezielt in Stunden mit negativen Preisen laden und die Energie später zu höheren Preisen nutzen oder verkaufen.
  • Power-to-Heat (PtH) und andere Power-to-X-Anwendungen (PtX) nutzen negative Preise, um Wärme, Wasserstoff oder andere Energieträger besonders günstig zu erzeugen.
  • Lastverschiebung verlegt flexible Prozesse in diese Stunden, sodass Unternehmen faktisch „bezahlt werden“, wenn sie Strom abnehmen.

Negativ (Last/Risiko):

  • Betriebe mit kontinuierlicher, gekoppelt betriebener Erzeugung (z. B. KWK, Prozessdampf, Wärme- oder Stoffstromkopplung) haben oft Überschussstrom, der nicht gespeichert werden kann.
  • Diese Überschüsse müssen dann ins Netz eingespeist werden – im Extrem bei negativen Preisen mit negativen Erlösen – oder die Anlage muss reduziert bzw. abgeregelt werden.
  • Viele dieser Erzeugungsanlagen lassen sich nicht ohne Weiteres abschalten. Für solche Setups sind negative Preise daher eher Kosten- und Betriebsrisiko als Chance.

Wichtig: Negative Preise sind kein Dauerzustand, sondern treten meist nur in bestimmten Stunden im Jahr auf. Sie sollten deshalb als zusätzlicher Optimierungs- und Arbitrage-Hebel verstanden werden, nicht als alleiniger Business Case. Außerdem wirken Steuern, Umlagen und Netzentgelte dämpfend: Auch bei -20 €/MWh Börsenpreis kann der Endkostenvorteil deutlich kleiner sein.

Beispiel: An einem windreichen Sonntag mit geringer Industrielast fallen die Spotmarktpreise mehrfach unter 0 €/MWh. Ein Werk lädt in dieser Zeit seinen Batteriespeicher, fährt Power-to-Heat hoch und verschiebt einige nicht zeitkritische Prozesse in genau diese Stunden.

Bezug zu verwandten Themen:

  • Spotmarkt / EPEX Spot: Negative Strompreise entstehen typischerweise im Day-Ahead- oder Intraday-Handel an Spotbörsen.
  • Merit Order (Strompreise): Erklärt, warum bei sehr viel günstiger Erzeugung und inflexibler Kraftwerksflotte Preise unter 0 €/MWh fallen können.
  • Batteriespeicher: Nutzen negative Preise als Arbitrage-Chance und zur Eigenoptimierung.
  • Power-to-Heat (PtH): Kann bei negativen Preisen besonders wirtschaftlich laufen und fossile Wärme ersetzen.
  • Lastverschiebung: Verlegt flexible Lasten gezielt in Stunden mit negativen oder sehr niedrigen Preisen.